Elisabeth Rudolf Kunsthistorikerin, Hamburg Christa Donatius – Kunst ist immer Einblick in das Arbeiten der auf Gut Daudieck bei Horneburg lebenden Malerin Amateure suchen nach Inspiration.  Wir anderen stehen morgens auf und gehen zur Arbeit.“ (Chuck Close, Maler) Das Kunsthaus Stade bot Anfang des Jahres 2010 (17. 01.- 14. 02.) eine umfassende Ausstellung der jüngsten Werkgruppen der Malerin Christa Donatius. Gemälde und Zeichnungen aus 1837 Tagen: das Schaffen aus 5 Jahren und 12 Tagen. Selten fragen wir uns, wie der Arbeitstag eines Menschen aussieht, dessen Beruf keiner des öffentlichen Bewusstseins ist, keiner den wir in seiner Praxis, seinem Büro oder seiner Werkstatt aufsuchen – es sei denn, wir geben ein Bild in Auftrag oder belegen einen Malkurs im Atelier. Auf Gut Daudiek bei Horneburg lebend und im Elbe-Weser-Dreieck wohl bekannt, ist Christa Donatius sozial und kulturell engagiert und unterscheidet sich damit nicht von unzähligen anderen berufstätigen Frauen: abgesehen davon, daß wir das Ergebnis ihrer Arbeit häufig erst in unserer Freizeit genießen und reflektieren können, wenn es denn ausgestellt wird. Uns an dem Ergebnis von gut fünf Jahren teilhaben zu lassen, war denn auch Anlaß zu dieser Ausstellung in Stade. Auf allen vier Etagen des Kunsthauses gelang es sehr anschaulich, die Arbeitsweise der Malerin zu zeigen ohne sich im Detail zu verlieren. Unterstützende Bildschirmpräsentationen und ungerahmte, direkt zugängliche  Zeichnungen machten das Arbeiten am jeweiligen Motiv der Gemälde nachvollziehbar. Gerade zwischen zwei so renommierten Ausstellungen der klassischen Moderne, wie sie das KunsthausStade in der jüngsten Vergangenheit und aktuell zeigt, erweist es sich als klug und weitsichtig, qualitätvolle und anregende zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen zu präsentieren, wie Christa Donatius. 2008 zeigte das Buxtehude·Museum bereits die 33teilige Werkgruppe NICHT SEHEN NICHT SPRECHEN NICHT HÖREN aus den Jahren 1997 – 2002, die sich dem Thema der Verteidigung von Freiheit widmete. Leid durch Vertreibung, Verfolgung und Krieg in eindringlichen Darstellungen auf kleinformatigen Leinwänden, zu denen der Dirigent und Komponist Alexander Mottok (u. a. Stader Kammerorchester) Klangformationen komponierte. Einige Bilder aus dieser Werkgruppe waren nun auch in Stade zusehen. Der Auseinandersetzung mit unbequemen Themen unserer Gesellschaft, blieb Christa Donatius auch in den letzten fünf Jahren treu. Es sind keine Themen nach denen wir oder Donatius suchen müßten, sondern es sind solche, wie sie uns tagtäglich begegnen. Wir unterhalten uns in der Familie darüber oder mit Freunden. Nur, welche Schlüsse ziehen wir daraus? Akzeptieren wir gesellschaftliche Entwicklungen oder versuchen wir sie zu ändern? Eine Künstlerin verarbeitet solche Themen in der Regel nicht weil sie der bessere Mensch ist als eine Verkäuferin oder Lehrerin, sie verfügt über das Talent diese Themen anders umzusetzen als Menschen mit anderen Begabungen und so nutzt sie ihr Talent, wie sie es als angemessen und richtig empfindet. Die geborene Hamburgerin Christa Donatius gibt damit auch Menschen und Themen eine Stimme, die keine eigene haben oder ihr Ausdrucksmittel noch nicht gefunden haben. Für sie selbst ist es eine Selbstverständlichkeit, keine Besonderheit um die sie und ihre Gedanken permanent kreisen, sondern Kunst ist immer. Nach dem Studium der Malerei und Jahrzehnten der Ausübung ihres Berufes ist es zwar ein Genuß sich an der technischen Qualität ihrer Malerei zu erfreuen, aber Donatius malt nie nur um des Malens willen. Diese Erkenntnis begleitet die Betrachter ihrer Bilder durch ihre gesamte Arbeit. Bestes Beispiel hierfür ist die jüngste und keinesfalls abgeschlossene Werkgruppe UN-LAND, die mit großformatigen Arbeiten ein wesentlicher Bestandteil der Schau in Stade war. Christa Donatius hält uns in diesen Gemälden einmal mehr den Spiegel vor. Menschen aus ihrem direkten aber auch weiteren Umfeld stehen Modell für ihre Bilder, und so werden wir uns nicht erst in ihrer Reihe der KOPFBILDER bewußt, daß es um uns selbst geht in ihren Arbeiten. Im Gemälde AUS-SICHT wird unser durch die Medien geprägter Blick hinterfragt, wenn wir im touristischen Massenkonsum Landschaften durch die Objektive unserer Kameras elektronisch aufsaugen und konservieren, häufig ohne sie mit eigenen Augen zu betrachten und damit das Sehen und Hinschauen verlernen. Die negativ konnotierte Vorsilbe der Reihe UN-LAND konditioniert uns den Bildern reflektierend und hinterfragend zu begegnen. Die Bilder selbst nehmen uns jedoch ob ihrer Farbanlage und Komposition sofort für sich ein. Christa Donatius wählt ausdrucksstarke Farben, gelegentlich leuchtend, jedoch nie grell. Die Intensität der Farbigkeit steht immer im Kontext der inhaltlichen Auseinandersetzung. Zudem bietet sie uns geradezu altmeisterlich angelegte Kompositionen, die uns in der Sicherheit wiegen Vorder-, Mittel- und Hintergrund ihrer Bilder zu überblicken. Dieses Moment der  Wohligkeit bricht Donatius mit den inhaltlichen Belangen ihrer Gemälde. Sie stellt Fragen, reflektiert und scheint uns dabei Antworten an die Hand zugeben – läßt uns jedoch die Freiheit sie selbst zu beantworten, sie drängt zur Reflektion, nicht zu ihrer eigenen Meinung: der erhobene Zeigefinger bleibt aus – nicht jedoch der Hinweis! In DA-SEIN spielt Christa Donatius weiter mit unserer Wahrnehmung, wir wüssten wer wir seien und wo: in einer Schar von Menschen, die uns an das seit dem Mittelalter bekannte Motiv des Jüngsten Gerichts erinnert, machen wir Individuen aus, die zu warten scheinen. Isoliert, einander zugewandt, uns teilweise sogar direkt anblickend, scheinen sie zu warten. Aber worauf? Im mittelalterlichen Bildwerk wäre an dieser Stelle das aus der ägyptischen Kultur stammende Motiv der Seelenwaage, der guten und schlechten Seelen, zu erwarten. In einer räumlich tiefen und gestalteten, jedoch nicht eindeutig fundamentierten Welt, kontrastieren kalte hellgraue Töne mit warmen, geradezu hitzigen Erdtönen und auch die Farbgestaltung des Bildpersonals, welche im Vordergrund noch individuell und natürlich erscheint, löst sich über den Mittelgrund in den Hintergrund hinein auf. All diesen Bildebenen ist eines gemein: nirgends finden die Protagonisten des Bildes klaren eindeutigen Stand, sie selbst scheinen sich aufzulösen und in diesem nicht- definiert-sein aufzugehen. So sehr ihre Körpersprache auch Sicherheit und das scheinbare Bewußtsein eines jeden Daseins, bleibt letztendlich eine unaufhörliche Reflektion. Das Gemälde SPIELBALL vermittelt uns einmal mehr Christa Donatius kluges und hintersinniges Reflektieren einer scheinbar heilen Welt, eines freundlichen Kindes in ungezwungener Atmosphäre. Es ist einer Atmosphäre des Lebensraumes ausgesetzt, die jedoch zunehmend deformiert wird und das Kind in Form einer hämisch grinsenden Grimasse zu überrollen droht. Ein Überleben auf einem solch deformierten Planeten stellt jedoch eine kaum zu schulternde Hypothek für dieses Kind dar. Dies alles präsentiert Christa Donatius uns weiter in strahlenden, frischen und kräftigen Farben, die uns so sehr einnehmen und positiv auf ihre Bilder zu gehen läßt. Eine Strategie, die uns auch die Thematik der Genmanipulation, der zunehmenden Entfremdung unserer Gesellschaft zu einem natürlichen Lebensumfeld und unserer Beziehung zu Natur und Natürlichem, in der Werkgruppe WUNSCHKINDER vor Augen führt. Diesem Moment der Entindividualisierung vermag die Malerin jedoch ihre bereits erwähnten KOPFBILDER gegenüber zu stellen: eine Sammlung von Köpfen auf zehn Meter langen Leinwand-Rollen. Sie zeigen eine Sammlung unterschiedlichster Köpfe von Menschen des Umfeldes der Künstlerin begleitet von Attributen, welche die Porträtierten selbst wählten. Miteinander vergesellschaftet bilden die einzelnen Individuen eine ganz eigene Gemeinschaft. Sie werden zu keiner Zeit ihrer Individualität beraubt und gelegentlich gewährt uns Christa Donatius sogar einen ungewohnten  Blick auf einzelne Personen und den von ihr heraus- gearbeiteten Brüchen ohne auch nur ansatzweise bloß zu legen – ihr liebevoller und interessierter Blick auf die Spezies Mensch bewahrt die Integrität der Porträtierten, wie der Betrachter. Eine Qualität, die wir generell im Leben sehr schätzen, die wir uns aber nur selten wirklich bewußt machen: Christa Donatius erinnert uns daran in und durch ihre Arbeit. Sie erfreut uns mit ihrer Kunst, verliert sich aber nie im Ornamentalen der Form und Dynamik ihrer Malerei: so zeigt uns vielmehr ihre Virtuosität und Vielseitigkeit das Selbstbewußtsein der Malerin Christa Donatius. Ein Selbstbewußtsein, das ein Wissen um die eigene Arbeit und das eigene Kunstschaffen ist und keine vor sich hergetragene Eitelkeit – ein Bewußtsein, das aus der Erfahrung des eigenen Alltages resultiert, denn Kunst ist immer! Eine Erkenntnis, die uns der Titel der Ausstellung des Kunsthauses in Stade an die Hand gibt, die Lust und Vorfreude auf die nächste Auseinandersetzung mit Kunst macht: nicht zuletzt auf die von Christa Donatius. © www.donatius-jalowczarz.de c.donatius@t-online.de